„In einer digitalisierten Arbeitswelt braucht es Spielräume für Erfahrungsaustausch und Reflexion“

 

Prof. Gerhard Drees, Foto: Jan Maier

Prof. Gerhard Drees, Foto: Jan Maier

Was müssen Menschen wissen und beherrschen, um in unserer modernen Arbeitswelt zurechtzukommen? Und wie lässt sich betriebliche Weiterbildung heute am besten organisieren? Experte für solche Fragen ist Prof. Dr. Gerhard Drees, Leiter der Abteilung „Erwachsenenbildung und berufliche Bildung“ an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. Er forscht unter anderem darüber, wie sich gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen auf die berufliche Bildung auswirken. Der Bildungsexperte ist außerdem in der Jury des Innovationspreises Weiterbildung Region Stuttgart. Hier beschreibt er, wie sich die betriebliche Weiterbildung unter dem Einfluss der Digitalisierung verändert.

 

WRS: Herr Professor Drees, Sie sind Jurymitglied beim Innovationspreis Weiterbildung. Warum engagieren Sie sich für den Preis und welche Impulse können von der Auszeichnung für regionale Unternehmen ausgehen?

Prof. Dr. Gerhard Drees: Eigentlich bin ich solchen Preisen gegenüber skeptisch eingestellt, da ihre Anzahl in den vergangenen Jahren inflationär gestiegen ist. Den Innovationspreis Weiterbildung der Region Stuttgart halte ich allerdings für sehr sinnvoll, weil er Firmen prämiert, die sich tatsächlich auf vorbildliche Weise für die Qualifizierung und Entwicklung ihrer Mitarbeiter engagieren. Die  Preisvergabe stützt sich in diesem Fall zudem auf Kriterien und fundierte Sachargumente, die für mich als Bildungswissenschaftler nachvollziehbar sind. Dabei werden nicht prinzipiell die Konzepte  ausgezeichnet, die am weitesten entwickelt sind, sondern auch qualitativ gute Ansätze kleinerer Unternehmen, die erste sinnvolle Schritte beschreiten, um in das Thema einzusteigen.

Worauf achtet die Jury bei der Auszeichnung der Preisträger besonders?

Grundsätzlich geht es um innovative und originelle Lösungsansätze, die sich auch auf die Rahmenbedingungen anderer kleinerer Firmen übertragen lassen. Das Besondere kann zum Beispiel darin liegen, dass neue Technologien eine Rolle spielen, sinnvolle Methoden zum Einsatz kommen oder spezielle Zielgruppen angesprochen werden, die normalerweise keinen Zugang zu Weiterbildung haben. Die Preisvergabe soll regionale Firmen für die strategische Bedeutung von Weiterbildung sensibilisieren und ihnen Mut machen, konkrete Maßnahmen in Angriff zu nehmen – auch wenn sie bisher kaum Erfahrung in der betrieblichen Weiterbildung haben.

Gewinnt Weiterbildung in digitalen Zeiten an Bedeutung, wie von der Fachwelt und den Medien derzeit diskutiert?

Selbstverständlich müssen wir beständig dazulernen, wenn wir mit den Veränderungen einer zunehmend digitalisierten Welt zurechtkommen wollen. Digitalisierung ist die Leittechnologie der Gegenwart, sie betrifft alle Lebensbereiche und wird diese auch in den nächsten Jahren entscheidend beeinflussen. Pauschale Appelle reichen aber nicht aus. Es braucht vielmehr eine genaue Analyse: Warum wird überhaupt digitalisiert? Welche Veränderungen durch die Digitalisierung sind wirklich relevant? Und wie können Bildung und Weiterbildung darauf differenziert reagieren?

Welche Kompetenzen müssen sich Menschen und Unternehmen aneignen, um in unserer modernen Arbeitswelt zu bestehen?

Wichtig sind zunächst ein Bewusstsein von den Zwecken der Digitalisierung und die Fähigkeit jedes Einzelnen, die Konsequenzen der Digitalisierung für die eigene Situation zu analysieren. Weil Arbeit heute immer und überall stattfinden kann, steigen auch die Anforderungen an Selbstbestimmung und -verantwortung. Darüber hinaus benötigen wir ein grundlegendes technisches Verständnis für die digitalen Prozesse sowie Know-how über neue Formen der Zusammenarbeit und Vernetzung am  Arbeitsplatz. Auch moralisches Urteilsvermögen spielt eine Rolle, beispielsweise im Zusammenhang mit dem Datenschutz.

Wie muss betriebliche Weiterbildung organisiert sein, um den Herausforderungen der Digitalisierung gerecht zu werden?

In einer immer komplexer werdenden Arbeitswelt kann oft nur noch innerhalb der jeweiligen Arbeitsteams beurteilt werden, was an zusätzlichen Kompetenzen notwendig ist, um künftige Aufgaben zu lösen. Firmen müssen deshalb Freiräume und Rahmenbedingungen schaffen, in denen die Teams untereinander und auch gruppenübergreifend ihre Arbeit reflektieren und Erfahrungen austauschen können. Daraus können sich dann neues Wissen und notwendige Fertigkeiten entwickeln. Weiterbildung der Zukunft wird überwiegend ausgehend von den konkreten Arbeitserfahrungen stattfinden.

Was empfehlen Sie kleineren Betrieben, die ihre Weiterbildung auf die Anforderungen der Digitalisierung ausrichten wollen?

Es ist wichtig, dass sie das Thema überhaupt in den Fokus nehmen und ihre Mitarbeiter von Anfang an miteinbeziehen. Konkret heißt das: über die Digitalisierung und ihre Folgen aufzuklären, gemeinsam mit den Beschäftigten zu planen und auch vorhandene Sorgen aufzugreifen. Sich externe Experten dazuzuholen, die Bescheid wissen, wie Lernen funktioniert, und die sich mit der Digitalisierung auskennen, ist eine weitere Empfehlung.

DER REGIONAUT IST NOCH IN DER LERNPHASE