Unternehmenskultur dient als verlässlicher Lotse in turbulenten Zeiten

Titelgrafik zur Talente-Ausgabe 3_19 mit dem Schwerpunkt Unternehmenskultur 4.0

Talente 3/2019, Grafik: WRS

Um die digitale Transformation erfolgreich zu meistern, versuchen viele Firmen im Eiltempo ihre Abläufe zu digitalisieren und agile Strukturen einzuführen. Für den erfolgreichen Wandel braucht es jedoch nicht nur Tempo, Technologien und Prozesse. Ob digitale Chancen genutzt werden können, hängt vor allem auch von den kulturellen Rahmenbedingungen ab, die dafür den notwendigen Freiraum sowie Orientierung und Sicherheit bieten müssen. Denn neue Formen der Zusammenarbeit können nur dann entstehen, wenn Führung und Mitarbeiter gemeinsam bereit sind, bekanntes Terrain zu verlassen und ihre Werte, Spielregeln und Verhaltensmuster weiterzuentwickeln.

Mit fortschreitender Digitalisierung muss sich auch die Kultur einer Firma verändern – darin sind sich Experten und Firmenvertreter einig. Was alles zur Unternehmenskultur zählt, ist jedoch nicht eindeutig definiert. Im Kern geht es um ein gemeinsames Verständnis davon, wie die Arbeit und das Miteinander in einem Betrieb gestaltet werden. Der Satz „So machen wir es hier“ bringt es pragmatisch auf den Punkt.

Die meisten Kulturaspekte wirken im Verborgenen

Grafik: Unternehmenskultur im Eisbergmodell

Unternehmenskultur im Eisbergmodell, Grafik: WRS

Sichtbar wird die Kultur beispielsweise in den Leitbildern und Zielen eines Unternehmens, aber auch in seinen konkreten Arbeitsbedingungen, dem Dresscode oder der Gestaltung des Firmengebäudes. Ähnlich wie bei einem Eisberg liegen die meisten kulturellen Aspekte jedoch im Verborgenen und sind nach außen hin nicht auf Anhieb erkennbar. Gemeinsame Haltungen und Wertvorstellungen, typische Verhaltensmuster oder unausgesprochene Regeln – das alles prägt eine Firmenkultur, ohne dass es irgendwo festgehalten wird.

Ob sich die Kultur eines Unternehmens gezielt beeinflussen und entwickeln lässt, darüber gehen die Meinungen deshalb auseinander. Fest steht jedenfalls, dass sich ein Kulturwandel nicht einfach von oben verordnen lässt. Die Quelle jeder Unternehmenskultur sind die Werte des Gründers oder der Gründerin, die im Laufe der Unternehmensentwicklung durch vielfältige Einflüsse ergänzt und verändert werden. Zu den externen Treibern zählen Megatrends wie die Globalisierung, der demografische Wandel oder die Digitalisierung. Aber auch interne Faktoren, wie veränderte Wertvorstellungen der Mitarbeiter, Produktinnovationen oder eine neue Firmenleitung können Gründe für einen Wandel sein.

Kulturwandel heißt dicke Bretter bohren

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Talente 3_2019_Unternehmenskultur_4.0, Bild: Jakob Jirsák – stock.adobe.com

Die digitale Transformation greift tief in die bestehende DNA der Unternehmen ein. Weil unter der Oberfläche mächtige Hindernisse und jede Menge Widerstand lauern, braucht es in jedem Fall Zeit und viele kleine Transformationsschritte, um die Menschen mitzunehmen und ihre Veränderungsfähigkeit und -bereitschaft zu entwickeln. Führungskräfte und Mitarbeiter müssen dazu ihre Bilder von einer guten Arbeitskultur neu ausrichten, konkrete Erfahrungen sammeln und ihre eigenen Schlussfolgerungen ziehen. Organisationsstrukturen zu verändern und Macht neu zu verteilen, bedeutet für die Beteiligten immer auch, bewährte Handlungsmuster und Gewohnheiten loszulassen und dadurch Sicherheit aufzugeben.

In Zeiten des Wandels kommt den Führungskräften deshalb eine besondere Rolle zu. Durch ihre Werte, die Art ihrer Kommunikation und typische Verhaltensweisen prägen sie das Unternehmen maßgeblich mit. Das bedeutet aber nicht, dass sie Neuerungen gegen die herrschende Kultur einfach durchsetzen können. Stattdessen sollten sie als Vorbilder für die angestrebten Veränderungen fungieren, um so neue Sicherheit zu vermitteln. Es reicht nicht aus, Hierarchien abzuschaffen und eine Vertrauenskultur auszurufen, wenn am Ende des Tages trotzdem alle wichtigen Entscheidungen vom Eigentümer abgesegnet werden müssen. Für eine erfolgreiche Transformation müssen die Verantwortlichen den Sinn und alle wichtigen Rahmendaten transparent machen und auch selbst bereit sein, sich zu verändern.

Die Personalabteilung muss angestrebte Werte vorleben

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Talente 3_2019_Unternehmenskultur_4.0, Bild: Boggy – stock.adobe.com

Einen wichtigen Beitrag leisten außerdem die Personalverantwortlichen, die mit einer klugen Strategie und passenden Maßnahmen die Entwicklung einer zukunftsgerichteten Firmenkultur vorantreiben und den Wandel begleiten können. Beispielsweise indem sie die Mitarbeiter einstellen, die zur angestrebten Kultur passen, oder Nachwuchskräfte gezielt fördern, die relevante Werte verkörpern und teilen. Die Entwicklung eines gemeinsamen Leitbildes kann als Orientierung dienen, und spezielle Weiterbildungsmaßnahmen können Ängste reduzieren und den Lernprozess beschleunigen. Die Schaffung kreativer Freiräume trägt ebenfalls dazu bei, dass sich neue Ideen zur Zusammenarbeit etablieren. Nicht zuletzt übt auch die Personalabteilung eine wichtige Vorbildfunktion aus, indem sie die gewünschte Kultur konsequent vorlebt.

 

 

Eine attraktive Unternehmenskultur zieht Fachkräfte an

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Talente 3_2019_Unternehmenskultur_4.0, Bild: Довидович Михаил – stock.adobe.com

Die kulturellen Faktoren in einem Unternehmen richtig einzuschätzen, ist für Außenstehende und neue Mitarbeiter oft schwierig. Dessen ungeachtet spielen sie im Recruiting eine wichtige Rolle. Insbesondere die jüngeren Bewerber beschäftigen sich heute intensiv damit, ob die eigenen Wertvorstellungen und Ziele zur Kultur eines Arbeitgebers passen. Der sogenannte „Cultural Fit“ hat sehr viel damit zu tun, ob sich Mitarbeiter langfristig in einem Unternehmen wohlfühlen. Nur wenn die Wertvorstellungen übereinstimmen und die Beschäftigten den Sinn in ihrer Aufgabe erkennen, wird aus einem Beschäftigungsverhältnis eine langfristige Beziehung werden. Eine stimmige Kultur beeinflusst sowohl die allgemeine Arbeitszufriedenheit als auch die generelle Leistungsbereitschaft positiv. Ihre aktive Gestaltung kann deshalb wesentlich zum Erfolg des Unternehmens beitragen und ihm den entscheidenden Wettbewerbsvorteil verschaffen.

Zu den gegenwärtig größten Herausforderungen der Unternehmen zählt es, dass sie einerseits ihr erfolgreiches Kerngeschäft optimieren müssen und gleichzeitig in eine weitgehend unbekannte Zukunft aufbrechen sollen. Die Fachwelt spricht vom Meistern der Ambidextrie. Dadurch entwickeln sich hinter denselben Firmenmauern oft zwei unterschiedliche Welten. Gemeinsam getragene Werte können in einer solchen Situation als wichtiger sozialer Klebstoff wirken.

Letztendlich entsteht Unternehmenskultur aus allem, was Mitarbeiter und Führungskräfte tagtäglich tun. Die große Chance für eine Veränderung liegt deswegen zuallererst darin, die Dinge reflektierter zu tun. Trends wie „Mindful Leadership“ und Achtsamkeit haben ihre Berechtigung, weil sie die Fähigkeiten zum Wahrnehmen und Zuhören fördern. Wenn Menschen wissen, wohin sie wollen, und fähig sind, sich den magischen Raum zwischen Reiz und Reaktion bewusst zu machen, können sie ihre gemeinsame Kultur auch in die für sie richtige Richtung steuern.

DER REGIONAUT IST NOCH IN DER LERNPHASE