„Wir bauen keine festen Stellenprofile“ – Wie ein Nürtinger Unternehmen Arbeit neu denkt

Der Garten- und Landschaftsbau gilt traditionell als Männerdomäne. Beim Nürtinger Unternehmen Albrecht Bühler Baum und Garten GmbH zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Flexible Arbeitsmodelle, individuelle Entwicklungsmöglichkeiten und eine bewusst offene Unternehmenskultur sorgen dafür, dass Frauen hier deutlich häufiger Verantwortung übernehmen als in der Branche üblich. Für Geschäftsführer Albrecht Bühler ist das eine logische Folge der Arbeitskultur im Unternehmen.

„Wir bauen keine festen Stellenprofile, in die jeder passen muss“, sagt Bühler. „Wir schauen uns vielmehr an, welche Möglichkeiten und Bedürfnisse die Menschen mitbringen – und gestalten die Arbeit entsprechend.“ Der Landschaftsgärtner und gelernte Sozialpädagoge verfolgt damit ein Konzept, das er selbst „Jobdesign“ nennt. Es soll ermöglichen, den Beruf besser mit persönlichen Lebenssituationen zu verbinden. Der Ansatz kommt besonders Frauen im Betrieb zugute.

Flexible Arbeit als Schlüssel

Das Unternehmen beschäftigt heute rund 60 Mitarbeitende und bietet eine ungewöhnlich große Bandbreite an Arbeitszeitmodellen. Mehr als 20 Varianten sind derzeit im Einsatz – von klassischen Teilzeitmodellen über Jobsharing bis hin zu Homeoffice-Regelungen für bestimmte Tätigkeiten. Genauso lange, nämlich 20 Jahre, setzt sich das Unternehmen auch schon für die gleichberechtigte Beschäftigung seiner Mitarbeitenden ein. Bereits 2008 wurde Baum und Garten bei dem Wettbewerb „Gleiche Chancen für Frauen und Männer im Betrieb“ vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg ausgezeichnet. „Menschen wollen heute selbst entscheiden, wie sie arbeiten“, sagt Bühler. „Wenn wir ihnen diese Gestaltungsmöglichkeiten geben, profitieren beide Seiten.“

Gerade in einer Branche, in der Arbeitszeiten traditionell stark an Baustellen und saisonale Abläufe gebunden sind, bedeutet das organisatorischen Aufwand. Der Betrieb hat deshalb Planungsprozesse digitalisiert und nutzt eine spezielle Software, um die unterschiedlichen Modelle koordinieren zu können. Die Erfahrung zeigt: Der Aufwand lohnt sich. Viele Mitarbeitende bleiben dem Unternehmen über Jahre treu – und neue Fachkräfte bewerben sich gezielt wegen der flexiblen Rahmenbedingungen.

Mehr Frauen als im Branchenschnitt

Die Wirkung zeigt sich besonders beim Anteil weiblicher Mitarbeitenden. Während Frauen im Garten- und Landschaftsbau vielerorts noch eine Minderheit sind, ist ihr Anteil bei Baum und Garten deutlich höher als der Branchenschnitt. Rund ein Viertel der Beschäftigten sind Frauen, zwei davon sind aktuell als Führungskräfte tätig.

Für Svenja Podehl, die im Unternehmen die kaufmännische Verwaltung mitverantwortet, liegt der Grund dafür vor allem in der Haltung des Betriebs. „Hier zählt nicht, welches Geschlecht eine Person hat“, sagt sie. „Entscheidend ist, ob jemand gute Arbeit leisten will – und ob wir gemeinsam eine Lösung finden, wie das im Alltag funktioniert.“ Diese Offenheit betrifft nicht nur Arbeitszeiten, sondern auch Karrierewege. Fortbildungen, Qualifizierungen und neue Aufgaben stehen allen offen, egal ob Mann oder Frau.

Führung und Familie vereinbaren

Wie das konkret aussehen kann, zeigt das Beispiel von Melina Handte. Sie verantwortet unter anderem die Ausbildung im Betrieb und organisiert ihre Führungsaufgaben in einem reduzierten Stundenmodell, das sich mit dem Familienalltag vereinbaren lässt. Auch andere Mitarbeiterinnen nutzen die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit flexibel anzupassen. Während der Schwangerschaft oder mit kleinen Kindern wechseln manche vorübergehend in andere Aufgabenbereiche oder reduzieren ihre Arbeitszeit. Später ist eine schrittweise Rückkehr zu mehr Stunden möglich. „Wir begleiten unsere Beschäftigten durch verschiedene Lebensphasen“, erklärt Bühler. „Familiengründung oder Pflegeaufgaben gehören zum Leben dazu – darauf müssen Arbeitgeber reagieren können.“

Dabei profitieren nicht nur Frauen von den flexiblen Regelungen. Auch viele Männer nutzen Teilzeitmodelle, um mehr Verantwortung in der Familie zu übernehmen. Tatsächlich arbeitet die Hälfte der Mitarbeitenden bei Baum und Garten in Teilzeit. „Frauenförderung und Männerförderung gehören zusammen“, sagt Bühler. „Wenn Männer mehr Zeit für Familie haben können, entsteht automatisch mehr Spielraum für die berufliche Entwicklung von Frauen.“

Wiedereinstieg mit Perspektive

Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigt auch die Geschichte von Svenja Podehl selbst. Nach rund zwei Jahrzehnten Familienzeit wollte sie wieder ins Berufsleben zurückkehren – und erhielt bei Baum und Garten eine Chance. „Ich habe damals viele Absagen bekommen“, erinnert sie sich. „Oft hieß es einfach: zu lange raus aus dem Job.“

Im Nürtinger Betrieb begann sie zunächst mit einem Minijob in der Telefonzentrale. Schritt für Schritt übernahm sie mehr Aufgaben, absolvierte Weiterbildungen und entwickelte sich schließlich zur Leiterin der kaufmännischen Verwaltung. „Ich konnte mich hier ohne Druck wieder einarbeiten und habe viel Unterstützung bekommen“, sagt sie. „Das hat mir das Vertrauen gegeben, immer mehr Verantwortung zu übernehmen.“

Gute Arbeitsbedingungen als Erfolgsfaktor

Für Bühler ist diese Unternehmenskultur nicht nur eine soziale Frage, sondern auch ein wirtschaftlicher Vorteil. In einer Branche, die vielerorts über Fachkräftemangel klagt, gelingt es seinem Betrieb vergleichsweise leicht, neue Mitarbeitende zu gewinnen. Dazu zählen auch ältere Berufstätige oder solche, die kurz vor der Rente stehen. „Motivierte Menschen sind der wichtigste Erfolgsfaktor“, sagt der Unternehmer. „Wenn jemand gerne zur Arbeit kommt und sich mit dem Unternehmen identifiziert, merkt man das auch an der Leistung.“

Auch die Rückmeldungen der Kunden bestätigen diesen Eindruck. Mitarbeitende, die sich wertgeschätzt fühlen und ihre Arbeit mitgestalten können, treten selbstbewusst auf und gehen engagiert mit den Projekten um. Oder wie Svenja Podehl es formuliert: „Unsere Kolleginnen und Kollegen kommen oft mit einem Lächeln auf die Baustelle – und gehen genauso wieder nach Hause.“

Svenja Podehl verantwortet die kaufmännische Verwaltung bei Baum und Garten. Nach vielen Jahren Familienzeit fand sie im Unternehmen Schritt für Schritt zurück ins Berufsleben.
©Baum und Garten GmbH
Die Ansprechpartner für Jobs und AusbildungMelina Handte (Zweite von rechts) und Albrecht Bühler neben den Mitarbeitenden Yassin Bahta und Gevara Abdallah.
Geschäftsführer Albrecht Bühler setzt auf flexible Arbeitsmodelle und individuelles Jobdesign.

Fotos: Baum und Garten GmbH

Quelle: Fachkräfte Region Stuttgart