Wege zu einer flexiblen und familienbewussten Arbeitszeitkultur

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Flexible Arbeitszeiten sind ein unverzichtbarer Baustein, wenn es um moderne, familienfreundliche Arbeitsbedingungen geht. Denn immer mehr Beschäftigte streben nach Erfolg im Beruf und wünschen sich gleichzeitig ausreichend Zeit für ihre Familien und Privates. Obwohl die meisten Firmen grundsätzlich dafür offen sind, familienfreundliche Arbeitszeitmodelle einzuführen, herrschen in der Praxis trotzdem oft noch starre Vollzeitkulturen und Halbtagesjobs vor. Offensichtlich ist der dafür notwendige Wandel nicht mit reinen Sachargumenten zu bewerkstelligen. Die Einführung innovativer Konzepte erfordert vielmehr eine grundsätzlich andere Haltung der Betriebe zu ihren Mitarbeitern und deren Arbeitsorganisation.

Der Wunsch nach kürzeren Arbeitszeiten darf nicht als mangelnder Ehrgeiz ausgelegt werden

geschäftsmann liest unterlagen, seine tochter spielt am tablet

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Die Firmen müssen weg von einer Anwesenheitskultur und der Idee, dass die Führungskräfte jederzeit präsent sein sollten, um einen erfolgreichen Arbeitsprozess zu gewährleisten. Auch darf der Wunsch nach kürzeren Arbeitszeiten nicht automatisch als mangelnder Ehrgeiz ausgelegt werden. Wichtigste Voraussetzung ist jedoch, die Mitarbeiter nicht nur als Produktionsfaktoren, sondern als Menschen zu sehen, die auch noch ein Leben außerhalb der Firma haben. Im Rahmen der Initiative „Familienbewusste Arbeitszeiten“ hat das Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ acht Leitsätze für eine familienfreundliche Arbeitszeitkultur veröffentlicht, die im Austausch mit zahlreichen Unternehmensvertretern entstanden sind. Sie können engagierten Firmen als Orientierung und „Baukasten“ dienen, um eine eigene moderne Arbeitszeitkultur zu entwickeln.

In den Leitlinien wird beispielsweise empfohlen, gemeinsam mit den Beschäftigten nach passgenauen und individuellen Arbeitszeitlösungen zu suchen. Voraussetzung dafür wäre es, geeignete Foren zu schaffen, in denen die betrieblichen Anforderungen regelmäßig mit den privaten Bedürfnissen abgeglichen werden können – beispielsweise im Rahmen der jährlichen Mitarbeitergespräche. Vorgeschlagen wird außerdem, das Thema Arbeitszeit auch in die Zielvereinbarungen der Führungskräfte aufzunehmen. Ein weiterer Leitsatz regt an, ganz bewusst eine Kultur zu pflegen, die die Leistungsergebnisse der Mitarbeiter und nicht deren Präsenz in den Fokus stellt. Dazu könnten unter anderem die Zeiterfassung abgeschafft und Zielvereinbarungssysteme etabliert werden. Allerdings ist es dann unbedingt auch erforderlich, die Belastungsgrenzen der Beschäftigten und Führungskräfte im Blick zu behalten. Hilfreich wäre es außerdem auch, die Selbstorganisationskompetenz der Teams zu stärken.

Führungs- und Familienverantwortung müssen gemeinsam möglich sein

Die Personalexperten plädieren zudem dafür, dass Führungs- und Familienverantwortung gemeinsam möglich sein müssen und schlagen neue Arbeitszeitmodelle auch für Führungspositionen vor. Geeignete Rahmenbedingungen dazu sehen sie beispielsweise in klaren Verabredungen zu An- und Abwesenheitszeiten und eindeutigen Regelungen zu disziplinarischer Verantwortung, Entscheidungskompetenzen und Aufgabenverteilung. Viele Arbeiten könnten nach Erfahrungen der Praktiker auch an anderen Orten erledigt werden. Sie unterstützen deshalb mobiles Arbeiten, wann immer es möglich ist. Eine moderne Arbeitszeitkultur sollte überdies besondere Lebensphasen der Mitarbeiter berücksichtigen und darauf Rücksicht nehmen. Bei der Umsetzung dieser Empfehlung geht es vor allem darum, die notwendigen Infrastruktur- und Beratungsangebote zu schaffen – beispielsweise zur Unterstützung der Kinderbetreuung oder der Pflege von Angehörigen.

Eine moderne Arbeitszeitkultur benötigt feste Kommunikationszeiten

Eine weitere Idee beschäftigt sich damit, dass das Vereinbarkeitsthema durchaus auch für Menschen von Belang sein kann, die (noch) keine eigene Familie haben. Die entsprechende Leitlinie empfiehlt, die Interessen solcher Mitarbeiter gleichwertig zu berücksichtigen und eine angemessene Wertschätzung auszudrücken, wenn diese ihren Kollegen mit Kindern immer wieder den Rücken frei halten. Trotz aller Flexibilität benötigt auch eine moderne Arbeitszeitkultur feste Kommunikationszeiten, auf die sich alle Beteiligten verlassen können. Meetings sollten deshalb generell so geplant werden, dass auch alle Beschäftigten mit verkürzten Arbeitszeiten daran teilnehmen können. Nicht zuletzt geht es in den Anregungen auch um angemessene Entspannungsphasen, die eingehalten werden müssen, wenn gute Leistungen über längere Zeit gefordert werden. Ein Arbeitgeber sollte demzufolge die Wochenenden grundsätzlich respektieren und nicht erwarten, dass seine Mitarbeiter jederzeit zur Verfügung stehen. Die Führungsebene hat hier eine ausdrückliche Vorbildfunktion, wenn sie eine wirkliche Veränderung in der Unternehmenskultur erreichen will. Ergänzend dazu helfen eindeutige Spielregeln, die transparent machen, wann jemand tatsächlich erreichbar sein muss und wann nicht.

Leitsätze zur flexiblen und familienbewussten Arbeitszeitgestaltung

  1. Gleichgewicht
    Flexible Arbeitszeitmodelle sind ein Gleichgewicht zwischen betrieblichen Anforderungen und privaten Bedürfnissen – wir suchen mit unseren Beschäftigten gemeinsam passgenaue Lösungen zur Sicherung von Wettbewerbsfähigkeit und Familienfreundlichkeit.
  2. Ergebnisorientierung
    Produktivität ist mehr als Präsenz – wir arbeiten an einer Kultur, die Ergebnisse in den Mittelpunkt stellt.
  3. Führung in Teilzeit
    Führungsverantwortung und Familienverantwortung müssen miteinander kompatibel sein – wir sind offen für neue Arbeits(zeit)modelle in Führungspositionen und fördern sie.
  4. Mobiles Arbeiten
    Viele Arbeiten können auch an anderen Orten erledigt werden – wir sind dafür offen und unterstützen mobiles Arbeiten, wann immer es möglich ist.
  5. Rücksichtnahme
    In jedem Erwerbsleben gibt es Phasen mit besonderen familiären Herausforderungen – unser Ziel ist eine bestmögliche Rücksichtnahme und Unterstützung.
  6. Kollegiale Wertschätzung
    Von familienbewusster Arbeitszeitgestaltung profitieren nicht immer alle gleich – denen, die ihre Kollegen bei der Vereinbarkeit unterstützen, gebührt unsere besondere Anerkennung und Wertschätzung.
  7. Kommunikationszeiten
    Verlässliche Kommunikationszeiten sind unverzichtbar – Präsenztermine und Meetings halten wir deshalb in der Zeit gesicherter Betreuung ab.
  8. Freie Zeit respektieren
    Nachhaltige Leistungsfähigkeit setzt Pausen voraus – wir respektieren Wochenenden bzw. Zeiten, zu denen Beschäftigte nicht erreichbar sind.

DER REGIONAUT IST NOCH IN DER LERNPHASE