Q-Guide live 17.03.26: „Die Transformationsregion qualifiziert sich“

27.03.2026

Transformation ist kein Zukunftsszenario mehr – sie prägt den Arbeitsalltag von Unternehmen bereits heute. Fachkräftemangel, technologischer Wandel, neue Kompetenzanforderungen und strukturelle Umbrüche stellen die Region Stuttgart vor tiefgreifende Herausforderungen. Wie sich diese aktiv gestalten lassen, zeigte Q-Guide live der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) und der Partner im Weiterbildungsverbund Region Stuttgart (WBV) am 17. März auf dem IBM Campus in Ehningen. Das Interesse war groß: Rund 100 Weiterbildungsverantwortliche aus Unternehmen und WBV-Partnerorganisationen erlebten neue Impulse und stellten mit ihren Erfahrungen, Ansätzen, Instrumenten und Herausforderungen die konkrete Umsetzung in den Mittelpunkt.

Transformation braucht Haltung – und den Mut, anzufangen

Zum Auftakt betonte Dr. Sabine Stützle-Leinmüller, Leiterin des Geschäftsbereichs Fachkräfte bei der WRS, die zentrale Rolle von Qualifizierung für die Zukunftsfähigkeit der Region. Gerade in Zeiten gleichzeitiger Entwicklungen – von Fachkräftebedarf bis Personalabbau – brauche es neue Ansätze. Weiterbildung sei längst kein Zusatz mehr, sondern ein strategisches Instrument. Entscheidend sei dabei eine neue Haltung: Mut, Lernbereitschaft und die Fähigkeit, Mitarbeitende aktiv einzubinden. Formate wie Q-Guide schaffen dafür den Rahmen – nicht als klassische Konferenz, sondern als „Arbeits- und Maschinenraum“, in dem gemeinsam gestaltet wird.

Q-Guide Live bei IBM in Ehningen

Zukunftsbilder als Kompass im Wandel

Einen Perspektivwechsel lieferte Futurist Marcel Aberle mit seiner Keynote „Zurück zur Zukunft“. Seine zentrale These: Zukunft existiert nicht – sie entsteht aus den Bildern, die wir heute von ihr haben. Diese Vorstellungen prägen unser Handeln und entscheiden darüber, ob wir Chancen erkennen oder in Unsicherheit verharren.

Gerade in einer Phase, die er nach C. S. Hollings Theorie des Adaptive Cycle als „Konfusionsphase“ beschreibt, eröffnen sich neue Möglichkeiten. Voraussetzung dafür ist jedoch eine klare Vorstellung davon, wohin die Reise gehen soll. Instrumente wie Strategic Foresight helfen, unterschiedliche Szenarien zu denken und daraus strategische Entscheidungen abzuleiten. Gleichzeitig betonte Aberle die Herausforderung von „Ambidextrie“: Unternehmen müssen ihr bestehendes Geschäft stabil halten und zugleich neue Perspektiven entwickeln.

Im Zentrum stehen dabei nicht nur technologische Kompetenzen. Vielmehr gewinnen menschliche Fähigkeiten wie Kreativität, Neugier und Zuversicht an Bedeutung – gerade im Zusammenspiel mit KI.

Key-Note: Marcel Aberle

Transformation konkret: HR als Hebel

Wie sich dieser Wandel praktisch gestalten lässt, zeigte Dr. Frank Kohls, Geschäftsführer Personal bei IBM Deutschland. Unter dem Leitgedanken „transformieren statt transferieren“ gab er Einblicke in die HR-Strategie von IBM.

Ein zentraler Erfolgsfaktor ist dabei kontinuierliches Lernen: Mitarbeitende werden gezielt qualifiziert und erhalten feste Zeitbudgets für Weiterbildung. Gleichzeitig setzt IBM konsequent auf Vereinfachung und Automatisierung von Prozessen – etwa durch den Einsatz von KI und digitalen Assistenzsystemen.

Der Umgang mit neuen Technologien erfordert dabei auch Mut. Innovation bedeute nicht, auf Perfektion zu warten, sondern sich iterativ voranzutasten – im Sinne eines „Vorwärtsscheiterns“. Vertrauen, Transparenz und klare ethische Leitplanken sind dabei entscheidend, um Mitarbeitende mitzunehmen.

Panel-Talk: Zukunftskompetenzen im Mittelstand

Im Panel-Talk diskutierten Expert*innen die Herausforderung, Mitarbeitende für die Zukunft zu qualifizieren, während gleichzeitig das Tagesgeschäft bewältigt werden muss. Doppelrollen, Zeitdruck und fehlende Spezialist*innen erschweren den Aufbau neuer Fähigkeiten. Sven Meinl, Geschäftsführer der Buday GmbH, berichtete, dass externe Expertise oft zugekauft wird, während interne Fortbildungen auf einer klaren Funktionsmatrix basieren.

Bei der Gebrüder Heller Maschinenfabrik zeigte Stefan Haag, Betriebsratsvorsitzender, wie wichtig wissenschaftliche Begleitung ist, um Mitarbeitende gezielt zu fördern. Dr. Moritz Hämmerle vom Fraunhofer IAO Stuttgart ergänzte, dass das Fraunhofer-Heller-Projekt verdeutlicht hat, wie Mittelständler neue Märkte erschließen können: Flexibilität gegenüber Kundenbedürfnissen und gleichzeitige Transformation bestehender Strukturen sind entscheidend.

Strategische Rahmenwerke unterstützen diesen Prozess. Dr. Sabine Stützle-Leinmüller stellte die jüngst verabschiedete „Charta 2.0“ des WBV vor, die Nachhaltigkeit, Zukunftsfähigkeit und regionale Entwicklung verbindet. In diesem Sinne müssen neue Wege beschritten und bekannte Wege stabilisiert werden, um die Innovationskompentenzen sicherzustellen.

Gunnar Schwab, Vorsitzender der Geschäftsführung von der Agentur für Arbeit Stuttgart, hob hierzu hervor, wie Beschäftigungsübergänge in Zukunftsbranchen organisiert werden und Qualifizierung die Erwerbstätigkeit sichern kann. Dr. Frank Kohls von IBM verdeutlichte, dass Mut und Veränderungsbereitschaft notwendig sind – auch unbequeme Entscheidungen wie Sparmaßnahmen können Innovation ermöglichen.

Panel-Talk

Vom Wissen ins Handeln: Die Science of Action

Einen entscheidenden Impuls für die Umsetzung lieferte Dr. Hans Rusinek mit seinem Vortrag „The Science of Action“. Seine These: Nicht Strategien entscheiden über den Erfolg von Transformation, sondern die Fähigkeit, ins Handeln zu kommen.

Dafür braucht es vor allem eines: Zeit. Zeit, um „am System“ zu arbeiten, Routinen zu hinterfragen und neue Wege zu entwickeln. In einer Arbeitswelt, die von ständiger Unterbrechung geprägt ist, wird genau das zur größten Herausforderung.

Veränderung entsteht dabei weniger durch Konzepte oder Zielvorgaben, sondern durch neue Gewohnheiten. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Mindset, Skillset und Toolset – also Haltung, Fähigkeiten und Rahmenbedingungen. Nur wenn alle drei Ebenen zusammenwirken, kann nachhaltige Veränderung gelingen.

Ebenso wichtig sind Räume für Inspiration und überzeugende Narrative. Transformation gelingt nicht über Druck, sondern über attraktive Zukunftsbilder und das gemeinsame Verständnis, warum Veränderung notwendig ist.

Remote-Impuls Hans Rusinek

Werkzeugkasten 2030 – Orientierung für die Weiterbildung von morgen

Im Panel „Werkzeugkasten 2030“ zeigten drei Expertinnen, wie Unternehmen und Mitarbeitende fit für die Zukunft bleiben können. Daniela König stellt mit The Chänce Weiterbildungsscout regionale Beratungen für Privatpersonen, Betriebe und Weiterbildungseinrichtungen zu geeigneten Kursen und Fördermöglichkeiten vor. Kathrin Minderlen präsentierte das Online-Portal Mein NOW der Bundesagentur für Arbeit mit einem niedrigschwelligen Einstieg zu Weiterbildung für Unternehmen und Privatpersonen. Anna Spechtenhauser erläuterte das Projekt TRIREME, das in der Automotive Skills Alliance europaweit Kurse, Skills und Jobprofile entwickelt, um voneinander zu lernen und Trends für die Branche sichtbar zu machen.

Zukunft gemeinsam gestalten: Arbeiten in den Zukunftsräumen

Am Nachmittag wurde Q-Guide live seinem Anspruch als Arbeitsformat gerecht. In interaktiven Zukunftsräumen arbeiteten die Teilnehmenden an konkreten Fragestellungen – praxisnah, kollaborativ und lösungsorientiert.

Im Fokus standen unter anderem Strategien zur Verankerung von Weiterbildung im Arbeitsalltag sowie die Frage, wie Unternehmen trotz hoher operativer Belastung strategische Klarheit gewinnen können. Das Praxisbeispiel der Firma Buday GmbH zeigte, wie erste Schritte aussehen können: von Kompetenzmatrizen über regelmäßige Lernangebote bis hin zu experimentellen Formaten wie KI-Cafés. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel aus strategischer Ausrichtung und pragmatischem Ausprobieren – auch ohne fertige Gesamtstrategie. Als zentrale Leitlinie kristallisierten Sven Meinl und Thomas Raschke von Buday sowie Jan Schönfeld von Lernhacks mit den Teilnehmenden drei Dimensionen heraus: strategische Klarheit über zukünftige Kompetenzen, strukturelle Verankerung von Lernzeiten sowie eine klare Kommunikation, die Mitarbeitende aktiv einbindet.

Zukunftsraum 1

Im Zukunftsraum „Transformationspfade“ ging es darum, wie Unternehmen konkrete Wege in neue Märkte und Geschäftsmodelle entwickeln können – moderiert von Stefan Haag, Gebr. Heller Maschinenfabrik, und Dr. Moritz Hämmerle, Fraunhofer IAO. Deutlich wurde, dass viele Betriebe noch kein klares Zukunftsbild haben und damit auch unsicher sind, welche Veränderungen notwendig sind. Beispiele aus Industrie und Praxis zeigten unterschiedliche Ansätze: von Diversifikation über datenbasierte Geschäftsmodelle bis hin zu Automatisierung und digitalen Zwillingen. Einigkeit bestand darin, dass Transformation nur über Innovation und die konsequente Ausrichtung an künftigen Kundenbedarfen gelingen wird. Voraussetzung dafür ist ein funktionierendes „Operating Model“, also das Zusammenspiel von Strategie, Organisation und Umsetzung. Der Qualifizierungsbedarf ergibt sich entlang dieser Transformationskette – und kann im besten Fall selbst zum Wettbewerbsvorteil werden.

Die Arbeitsmarktdrehscheibe der Bundesagentur für Arbeit unterstützt Unternehmen und Beschäftigte dabei, Übergänge in Transformationsphasen aktiv zu gestalten. Tina Rauner und Sabina Kadic demonstrierten, wie abgebende und aufnehmende Unternehmen vernetzt werden, begleitet von individueller Beratung, Qualifizierung und praxisnahen Formaten wie Workshops oder Sprechstunden im Betrieb. Entscheidend sind frühzeitige Einbindung und funktionierende Netzwerke, denn die Angebote sind oft noch wenig bekannt. Die Agentur agiert als neutraler Partner, der Unternehmen und Mitarbeitende unterstützt.

Dr. Stefan Bergheim lud die Teilnehmenden zu einem interaktiven Mini-Zukünftelabor ein, um die Arbeit in der Region Stuttgart im Jahr 2040 zu erkunden. Gemeinsam wurden wahrscheinliche, wünschenswerte und alternative Zukünfte diskutiert, Annahmen hinterfragt und Perspektiven gewechselt. Thematisch ging es um Flexibilität, dezentrales und projektbezogenes Arbeiten, Individualisierung, Nachhaltigkeit, KI-gestützte Entlastung, neue Jobprofile und menschenfreundliche Arbeitsumgebungen. Ziel war es, Futures Literacy zu stärken, unterschiedliche Zukunftsvorstellungen auf ihre Annahmen hin zu prüfen und daraus konkrete Ableitungen für heutiges Handeln abzuleiten. Dabei wurde deutlich, dass kollaboratives Arbeiten und der Austausch in Gruppen entscheidend sind, um eigene Annahmen zu erkennen, die Zukunft aktiv mitzugestalten und strategische Entscheidungen besser vorzubereiten.

Zukunftsraum 4

Vom Austausch ins Machen

Im abschließenden Plenum verdichteten sich die Erkenntnisse: Unternehmen stehen vor der Aufgabe, strategische, strukturelle und kommunikative Klarheit zu schaffen. Es braucht verbindliche Zeiträume für Qualifizierung, eine offene Kommunikation und eine positive Erzählung von Veränderung, die Orientierung gibt und motiviert.

Q-Guide live hat gezeigt, dass die Region Stuttgart bereit ist, diesen Weg zu gehen. Die Vielfalt an Perspektiven, die Offenheit im Austausch und die konkreten Lösungsansätze machen deutlich: Die Grundlagen für eine erfolgreiche Transformation sind vorhanden.

Der entscheidende nächste Schritt ist das Handeln. Oder, wie es mehrfach formuliert wurde: Zukunft entsteht nicht durch perfekte Pläne, sondern durch das Zusammenspiel von Wollen, Können und Dürfen – und den Mut, daraus ins Machen zu kommen.

Fotos: Leif Piechowski