Beim Talente-Forum „Aus MINT wird MINKT: Kreative Ressourcen für eine erfolgreiche Transformation“ der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) trafen sich am 25. Juni 2026 Geschäftsführer*innen sowie Führungskräfte aus der Industrie, Bauwirtschaft und der Kreativ- und Kulturbranche im Gutbrod. Sie diskutierten, wie Unternehmen MINT-Kompetenzen und fachliches Wissen mit kreativen Future Skills verbinden können – und warum dies in Zeiten der Transformation entscheidend ist, um nachhaltige Lösungen für Kunden, Märkte und Gesellschaft zu entwickeln und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Das Talente-Forum wurde in Kooperation mit der Wirtschaftsförderung der Landeshauptstadt Stuttgart umgesetzt und war ein Clubhouse des Zukunkftsfestivals FUTUROMUNDO. Ganz im Sinne des MINKT-Gedankens bot es in diesem besonderen Rahmen Raum zum Denken, Begegnen und Ausprobieren.
Dr. Sabine Stützle-Leinmüller (Leiterin des WRS-Geschäftsbereichs Fachkräfte und Arbeitswelt) und Ines Gräther (Koordinatorin für innovative Projekte an der Schnittstelle zwischen der Wirtschaftsförderung der Stadt und der Region Stuttgart) leiteten durch das Forum und führten mit einem Impuls ins Thema ein. Im Rahmen des FUTUROMUNDO-Zukunftsfestivals stellten sie den MINKT-Ansatz als Verbindung zwischen Kreativität und Technologie, Bildung und Innovation sowie individueller Entwicklung und organisationaler Zukunftssicherung vor. Ihr Ziel: den „K-Faktor“ praktisch greifbar machen sowie Impulse für Lern- und Arbeitsräume geben, in denen Menschen die Zukunft aktiv gestalten und in die Unternehmenskultur einbinden.
Die eingeladenen Referenten verfolgten diesen Ansatz unterschiedlich. Dr. Soenke Zehle, Ko-Geschäftsführer des multidisziplinären Forschungsinstituts K8 zeigte, wie Unternehmen kreative Ressourcen entlang der gesamten Wertschöpfungskette nutzen. Schauspieler und Spieleentwickler Sebastian Schwab betonte, dass nachhaltiges Lernen weniger mit Informationen, sondern durch erlebte Selbstwirksamkeit entsteht.
Warum MINKT – und warum gerade jetzt?
„Die Spielregeln verändern sich“, eröffnete Dr. Sabine Stützle-Leinmüller den Diskurs. „Mit KI geht es nicht mehr darum, am meisten zu wissen, sondern die besseren Fragen zu stellen. Wer Wissen neu kombiniert und verantwortlich gestaltet, ist jetzt und in Zukunft klar im Vorteil.“ Fachwissen bleibe essenziell, reiche aber nicht aus, wenn es nicht kulturell sinnvoll eingebettet ist und Systeme nicht ganzheitlich betrachtet werden.
Das K steht – in der Logik des Vormittags – nicht nur für Kunst und Kreativität, sondern mehrere Perspektiven. Für die Fachkräftesicherung und die Arbeitswelt dienen vorwiegend Sichtweisen der Kreativwirtschaft und IT als Grundlage.
Richtungsweisend dafür sind u.a. Erfahrungen aus dem europäischen Förderprojekt CYANOTYPES zu Future Skills in der Kreativbranche, in das die WRS und das K8-Institut als Projektpartner eingebunden sind. Für weitere zentrale Zugänge stehen der internationale MINKT-Bildungsexperte Kristof Fenyvesi und der Tech-Innovationsexperte Christian Wehner. In unserem Talente-Magazin zum Thema MINKT finden Sie vertiefende Interviews mit beiden.
Kreative Ansätze und Ressourcen sollen helfen, Komplexität zu reduzieren, Daten verständlich und nutzbar zu machen, neue Entscheidungsgrundlagen zu schaffen, den Kundennutzen besser zu erkennen und Transformation gestaltbar zu machen. Auch interdisziplinäres Denken und Lernen in der Praxis zählt: Teams sollten Silos aufbrechen und Unternehmen stärker zusammenarbeiten, um neue Gestaltung zuzulassen.
Das „K“ in „MINT“ bedeutet nicht, Kreativität einfach hinzuzufügen. Vielmehr gilt es, Denkweisen zu verbinden, die nie getrennt hätten sein dürfen. Auch „kindliche Intelligenz“ ist wichtig für den MINKT-Gedanken: Erwachsene sollten neugierig bleiben, ausprobieren, nicht sofort bewerten und auch Fehler zulassen. Diese Eigenschaften helfen, spielerisch neue Lösungen zu finden, werden im Berufsleben aber selten aktiv gefördert

Think inside the box: Von Blaupausen zu Zukunftskompetenzen
Dr. Soenke Zehle zeigte in seinem Beitrag, wie die Kreativwirtschaft kleine und mittelständische Unternehmen unterstützt, Kreativität als Methode zu meistern. Er verwies auf die Cyanotypie – blau-weiße „Blaupausen“, die Anna Atkins als Pionierin an der Schnittstelle von Naturwissenschaft, Fotografie und Kunst prägte. Die Blaupausen zeigen, dass Kreativität nicht außerhalb von Technik entsteht, sondern wenn Verfahren in neue Felder übertragen werden. Das europäische Projekt CYANOTYPES knüpft daran an. Die Beteiligten des Projekts haben die 25 wichtigsten künftigen Kompetenzen für die Kreativwirtschaft zusammengetragen und zeigen, dass diese weit über die Branche hinaus relevant sind.
Zehle betonte, dass Kreativität nicht nur eine Eigenschaft einzelner Personen sei, sondern auch von Rahmen, Raum und Organisation abhängt: Puffert ein Unternehmen Risiken ab? Erlaubt es „Play“ – also das Nachdenken über Möglichkeiten und Alternativen, bevor man sich auf eine lineare „Story“ festlegt? Und gibt es Ökosysteme aus mehreren Akteuren, die Ressourcen teilen, statt Kreativität einzelnen Personen zuzuordnen?
Als Beispiel für einen praxisnahen Kreativitätsraum nannte Zehle ein Extended Reality-Setup, das das K8 Institut für strategische Ästhetik im Rahmen von CYANOTYPES organisierte. XR-Studios schaffen kollaborative Räume mit Bewegungs- und Performance-Capture, wovon Azubis beim Erlernen von Arbeitsschritten mittels KI-Auswertung profitieren. Auch Rundumprojektionen helfen, etwa das Planungsdokument eines Architekten für Bauherren begehbar und erfahrbar zu machen. So ist es für Beteiligte leichter, aus gewohnten Denkweisen auszubrechen und Neues persönlich zu erleben.
Am Anfang sollte aber nicht die Technik stehen, sondern die Frage: Wozu sollen Menschen in der Situation befähigt sein? Welchen Impact soll sie haben? Erst diese grundlegende „Value“-Überlegung, angereichert
durch den „Play“-Gedanken, führt zu einer „Story“, die Nutzer*innen des Kreativitätsraums zu Handlungen und Ideen anregt. Welche Tools und Umgebungen sinnvoll sind, entscheidet sich am Ende des Prozesses.
„Think inside the box“ ist die Leitidee. Statt reflexhaft ein „Outside the box“ zu forcieren, gehe es oft darum, den eigenen (Handlungs-)Spielraum zu verstehen und Prozesse, Ressourcen, Routinen und Grenzen so zu durchleuchten, dass sich reale Hebel für Veränderung zeigen. Laut Zehle gebe es oft schon genügend kreative Köpfe in Unternehmen. Entscheidend sei, allen Mitarbeitenden Raum für Kreativität zu geben und sie fest in Prozesse einzubinden – auch mithilfe von KI. Soll etwa eine Kulturhalle erneuert werden, lohne es sich zu hinterfragen, ob die Räume zukünftig auf die gleiche Weise genutzt werden sollen oder andere Bedarfe bestehen. Wertschöpfung soll dabei im Kontext langfristiger Transformation und regenerativen Wirtschaftens entstehen.
Diese Dimensionen seien zwar in der Kreativbranche besonders sichtbar, jedoch für alle Organisationen relevant, die Zukunftsfähigkeit aufbauen wollen. Kreative Schritte wie „Play“ seien kein Nebenaspekt abseits des Kerngeschäfts; sie beschäftigen sich mit der Frage, was das Kerngeschäft in zehn Jahren sein wird. Um die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen zu sichern, so Zehle, müsse daher mehr in Kreativität als Prozess investiert werden. Nur so lassen sich Umstände ändern, die die Auseinandersetzung mit der Zukunft erschweren.

Kindliche Intelligenz und Game Design: Lernen so gestalten, dass Menschen dranbleiben
Sebastian Schwabs Arbeit beginnt, wenn jemand sagt: „Das klingt zwar schön, geht bei uns aber nicht.“ Diese Reaktion ist für ihn ein hilfreicher Hinweis auf reale Barrieren im System: Welche Annahmen stecken dahinter, welche Risiken sieht die Person, welche schlechten Erfahrungen hat sie gemacht – und was müsste sich ändern, damit aus „geht nicht“ ein „probieren wir“ wird?
Als Schauspieler, Regisseur, Musiker und Spieleentwickler denkt Schwab nicht nach den Mustern der klassischen Prozessoptimierung. Stattdessen brachte er den Zuhörenden Prinzipien des Game Designs und erfahrungsbasierten Lernens nahe. Die zentrale Frage: Wie entfernt man Barrieren und gestaltet Systeme so, dass Menschen freiwillig lernen und dranbleiben – auch, wenn etwas schwierig wird? Bei der Entwicklung der Toniebox 2 für Kinder setzte sich Schwab intensiv mit dieser Frage auseinander. Er ist davon überzeugt, dass Informationen oft überschätzt werden. Erklärungen, Leitfäden und triftige Gründe ändern meist nicht das Verhalten. Auch externe Motivation reiche laut Schwab nicht, um beim Lernen neuer Dinge durchzuhalten.
Spiele bringen uns immer wieder zum Verlieren. Sie vermitteln jedoch nicht die Botschaft „Du musst das können.“ Stattdessen erleben Spieler*innen mit kleinen Misserfolgen und Erfolgen: „Du kannst das lernen.“ Durchhaltevermögen und eine freiwillige Ausdauer entstehen dank konkreter Erlebnisse, nicht Erklärungen. Kinder und Erwachsene bleiben an Neuem dran, wenn sie sich trauen, zu scheitern, und wenn ihr Handeln Wirkung zeigt. Diese Selbstwirksamkeit baut Kompetenzen auf, und aus ihnen erwächst eine langfristige intrinsische Motivation. Auch als Regisseur will Schwab, dass Schauspieler*innen eine Szene durchleben und ihre Wirkung entfalten lassen, statt ihnen die Emotionen der Figuren zu erklären.

Eine praktische Übung zeigte das deutlich. In Kleingruppen haben die Teilnehmenden absichtlich schlechte Anleitungen geschrieben. Das Ergebnis waren langatmige, überladene, komplexe, vor Fehlern mahnende, Eventualitäten aufzeigende und detaillierte Anweisungen zum Gitarre spielen, Spaghetti kochen oder Bahnticket kaufen. Die besten Anleitungen machen hingegen Lust aufs Ausprobieren – sie sind kurz und praxisnah, um das Positive schnell ins Erleben zu bringen.

Neue Ansätze schaffen Wege in die Zukunft
Mit kreativen, interdisziplinären und wegweisenden Konzepten wie diesen begleitet die WRS Unternehmen und hilft, individuelle nächste Schritte zu definieren. Egal ob in Zusammenarbeit mit kreativen Partnern, in neuen Lernformaten oder in Kooperationen über Unternehmensgrenzen hinweg: Austausch und Transfer sind die Devise. Welche Fähigkeiten benötigen wir? Wie schaffen wir Strukturen, die Lernen im Alltag ermöglichen? Aus diesen Fragen erschließen sich Lernpfade, die nicht nur akute Kompetenzlücken schließen.
Fotos: Leif Piechowski
